Die Ursprünge des Stager Backstage

26 januari 2022 - Mike van Gaasbeek - Lesezeit: 3 minuten

Die Geschichte von Stager beginnt persönlich. Beim Schreiben meiner Abschlussarbeit über den französischen Philosophen Jean Baudrillard bekomme ich, ganz Kind meiner Zeit, eine chronische RSI - besser bekannt als "Mausarm". Mehr als 15 Minuten am Stück am PC sind nicht mehr drin, und auch bei anderen Anstrengungen melden sich Rücken und rechter Arm sofort. Doppelte Arbeit wird mir dadurch zuwider - zweimal denselben Text tippen bedeutet schließlich unnötige Schmerzen.

Nach zwei mutlosen Jahren entdecke ich Dragon Naturally Speaking, Spracherkennungssoftware, die damals noch in den Kinderschuhen steckt. Als "Kandidat ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt" kann ich über eine subventionierte Stelle bei WORM anfangen.

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Beim Abschiedsfest von WORM an der Rochussenstraat steht zum ersten Mal eine Schlange vor der Tür.


Die Idee der virtuellen Backstage

WORM sitzt in einem besetzten ehemaligen Teppichladen an der Rochussenstraat, und am Gasofen im Nebenbüro diktiere ich meine Mails und Textdokumente ins Mikrofon. Bei WORM wird zwar schon fleißig an der Vereinfachung von Prozessen gearbeitet - überall stehen kleine Systeme und Excel-Tabellen, um die Eventproduktion zu erleichtern -, aber ich erschrecke mich, wie oft allein schon der Eventname eingegeben wird: im CMS der Website, im Newsletter, in den Vorlagen für die lokale Ausgehagenda, aber auch auf dem Kassenformular, der Gästeliste, dem Backstage-Catering-Formular und so weiter.

Mit meiner Spracherkennung lässt sich Text kaum von einem Programm ins nächste Browserfenster kopieren, also greife ich trotzdem ständig zu Tastatur und Maus - mit steifen Schultern, kribbelnden Unterarmen und ziehenden Schmerzen im oberen Rücken als Folge. Daraus entsteht die Idee für ein webbasiertes Tool, in dem Informationen nur einmal eingegeben werden müssen. Das wird meine Rettung!

Zusammen mit Webentwickler Ronald bauen wir zunächst ein umfangreiches CMS für die WORM-Website, das auch ein paar Schritte im Produktionsprozess automatisiert. Parallel dazu kommt Online-Ticketing auf, und daraus entsteht die Idee, eine Plattform zu bauen, mit der Veranstalter:innen ihre Produktionsprozesse bündeln können - eine Art virtuelle Backstage. Diese Plattform könnten wir dann mit den Einnahmen aus dem Online-Ticketing finanzieren. Das Geschäftsmodell von Stager ist geboren.

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Wireframe der Sammelwebsite von Popup Rotterdam, verknüpft mit dem Stager Ticket shop.


Zusammenarbeit mit Popup Rotterdam

Die Rotterdamer Spielstätten, organisiert im Kollektiv "Popup Rotterdam", reagieren begeistert auf unseren Plan. Warum sollten wir jedes Jahr Zehntausende Euro an Ticketing-Anbieter abgeben, die im Grunde nicht viel mehr tun, als eine Zahlung abzuwickeln und einen Barcode zu generieren? Das Geld stecken wir stattdessen in die Optimierung unserer Betriebsabläufe, so der Plan - und das kommt gerade recht, denn in der Rotterdamer Popmusikszene rumort es zu der Zeit gewaltig.

Mit viel Elan legen wir los. Von allen Seiten landen Excel-Tabellen, Vorlagen, Formate und Screenshots selbstgebauter Systeme in meinem Postfach, und das große Puzzeln beginnt: Welche Informationen werden überhaupt eingegeben, um Events zu organisieren, und wo werden sie wiederverwendet? Mit Hilfe von Praktikant Joris entsteht nach und nach ein HTML-Mockup eines Systems, das wir schließlich Stager taufen.

stager (ˈsteɪdʒə)

Someone who supervises the physical aspects in the production of a show and who is in charge of the stage when the show is being performed


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Das erste Stager-Logo mit Erdmännchen, laut Designer Arjen de Jong: "Stager ist das eine Erdmännchen, das aufrecht steht und alles im Blick behält."


Der Zusammenbruch der Rotterdamer Popmusikszene

Während wir schon mit Entwicklungspartner und Investor Lunatech an der Umsetzung arbeiten, geraten die Rotterdamer Spielstätten in Streit über die Ticketgebühr und den Betrieb von Stager. Jahrelange knappe Budgets bringen einige Häuser an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten, wodurch die Interessen der verschiedenen Parteien immer weiter auseinanderdriften. Kurz darauf wird die größte Spielstätte, WATT (ehemals Nighttown), für insolvent erklärt. Durch die kürzliche Fusion von WATT mit dem Spielstätten- und Proberaumkomplex WaterFront steht auch dieser Standort an den Boompjes auf unbestimmte Zeit leer.

Die zwei wichtigsten Säulen des Plans brechen weg, doch der Kelch ist noch lange nicht geleert. Kurz nach der Eröffnung des neuen WORM-Gebäudes an der Witte de Withstraat treffen uns die Kürzungen im Kulturbereich des Kabinetts Rutte I. Die Subvention von WORM wird mehr als halbiert, und wir sind gezwungen, die Organisation deutlich zu verkleinern. Nicht viel später zieht Kulturdezernent Van der Laan den Stecker beim millionenschweren Urban-Culture-Podium in der Maassilo, das inzwischen in De Nieuwe Oogst umbenannt wurde.

Und so sitzen wir da, in unserem riesigen Gebäude an der Witte de Withstraat, mit einem ausgedünnten Team und einer fertigen Softwareplattform ohne Kund:innen…

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Erste Version von Stager mit Courier-Schrift und Magenta-Tönen, schön aus der Zeit gefallen ;)


Stager im 'stealth mode'

In den folgenden Jahren läuft Stager im "Stealth Mode". Der Buchhalter von WORM übernimmt auch die Verwaltung von Stager, der Systemadministrator kümmert sich um die Server, der Entwicklungspartner baut hin und wieder ein neues Feature, und das geschrumpfte WORM-Team kommt vom ersten Tag an nicht mehr ohne Stager aus. Stager wird zum Motor der Organisation, der dafür sorgt, dass wir mit dem kleinen Team den Laden trotzdem am Laufen halten, in Erwartung besserer Zeiten.

Neben meiner Arbeit als Geschäftsführer von WORM gelingt es mir hin und wieder, eine interessierte Spielstätte oder ein Theater für Stager zu gewinnen, und die Support-Hotline ist rund um die Uhr auf meine private Handynummer umgeleitet. Das ändert sich, als mehrere mittelgroße Spielstätten, Clubs und Festivals beschließen, mit Stager zu arbeiten, und wir unseren ersten Mitarbeiter Jeff einstellen können.

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Das Stager-Team im herrlich gemütlichen und völlig chaotischen Büro von WORM.


Stager wird erwachsen

Mit Jeff haben wir endlich jemanden, der die ganze Woche Zeit hat, das Stager-Evangelium zu verbreiten: "Stager ist eine Online-Backstage für dich als Veranstalter:in, die Teamarbeit einfacher macht. Deshalb arbeiten wir stetig an dem umfangreichsten System für Planung, Marketing und Ticketing von Events - denn das Organisieren eines Events ist im Grunde auch nur ein einziger Prozess, von der Buchung bis zur Durchführung."

Auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt in Sachen Features noch nicht mit einzelnen Planungs-, Marketing- und Ticketing-Systemen mithalten können, entscheiden sich immer mehr Veranstalter:innen für Stager - wegen des Überblicks und der Möglichkeit, als Team gemeinsam an der Produktion von Events zu arbeiten. Meetings, in denen jede:r Informationen aus dem eigenen System mit dem Rest des Teams teilt, und Mails oder Chats mit Fragen an eine andere Abteilung, werden sichtbar weniger. "Schau einfach in Stager nach", hört man immer öfter.

Inzwischen sind fast zehn Jahre vergangen. Wo Stager ursprünglich vor allem aus der Idee entstand, dass Informationen nicht doppelt eingegeben werden müssen, konzentriert sich die Weiterentwicklung heute mehr und mehr auf die Integration der verschiedenen Teile und Phasen des Produktionsprozesses. Einblick geben, wie sich Marketingaktionen auf den Ticketverkauf auswirken. Freiwilligen und Travel-Parties Zugang zu deinen Events geben. Kundenprofile auf Basis von Verkäufen aufbauen. Und so weiter. Fertig sind wir damit noch lange nicht. Es gibt genug Ideen, nicht zuletzt von treuen Nutzer:innen, die uns täglich Input geben, um Stager zum besten Tool für Veranstalter:innen zu machen.

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